Ten Years arsFutura

10 Jahres arsFutura

Über den Menschen und Galeristen Nicola von Senger – ein kleines, privates Resümee im Sinne einer nicht nur ernstgemeinten Wahrsagerei:

Was war der intensivste Moment Deiner Kindheit? Als Nicola von Senger, von allen Nici genannt, vier Jahre alt war, Spross einer Familie, die an der so genannten Goldküste lebte und im Jagd- und Golf-Jetset verkehrte, sei er sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst geworden. Er erzählt das ernst und doch leicht belustigt über die Dimension der Tragik, die er damals empfand. Es sei “ein unwahrscheinlich trauriger, intensiver Moment” gewesen. Ein zweiter Eintritt ins Leben über den Tod, wahrscheinlich. Mit neun Jahren erlitt er dann einen Hirnschlag. Er habe nie Angst gehabt, dass er dabei sterben würde. Da hat sich sein Lebenswille entwickelt. Gut zwanzig Jahre später, als wir ihn zum Nachtessen eingeladen hatten, kam er über eine Stunde zu spät. Es war ihm gar nicht recht, er entschuldigte sich wortreich. Der Grund für die Verspätung: Nici hatte eine einseitige Gesichtslähmung. Die Ursache: Überanstrengung. Der eine Mundwinkel hing ein bisschen runter. Champagner hat er dann trotzdem getrunken.

Zur Kunst kam er schon als Kind. Als er fünfeinhalb war, nahm ihn seine Mutter in eine Ausstellung von Daniel Spoerri ins Zürcher Helmhaus mit: ” Ich weiss heute noch, wie ich völlig fasziniert war von den zerquetschten Ratten und den Totenköpfen der kleinen Affen”. In der Kunst ging es für ihn damals schon um Leben und Tod. Gebannt von dieser Auseinandersetzung mit der Existenz, muss er sich im eigenen Leben wie ein Schauspieler, ein Darsteller seiner selbst fühlen, der im Theater des Lebens eine möglichst intensive Rolle spielen möchte, um dann – erfüllt und möglichst spektakulär – abzutreten. Einen Musikwunsch für seine Beerdigung hat er auch schon: Das Lied ” Travelling Light” der Gruppe “Tindersticks” .

In Künstlern mit einer ähnlich extremistisch-existentiellen Haltung erkennt er sich wieder. In Maurizio Cattelan zum Beispiel, der in Dijon auf einer Ausstellung sein eigenes Grab ausgeschaufelt hat. Bei arsFutura stellte Cattelan den Schauplatz des kollektiven Selbstmords der Sonnen-Templer-Sekte nach. Von Senger ist ein Medien-Süchtiger: Alles, was um die Welt geht, fasziniert ihn – weil es, auch wenn es sich um eine Kuriosität handelt, ein Potential haben muss, um die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu ziehen. Von diesem Ausser-gewöhnlichen, Extremen ist von Senger geradezu besessen. So sammelt er beispielsweise Nacktbilder von Celebrities; alphabetisch geordnet legt er die Bilder in Ordnern ab.

Sammeln und Ordnen: zwei wichtige Themen in von Sengers Leben. Die Obsession des (Kunst)-Sammelns ist ihm eingepflanzt. Er liebt den Besitz, den Reichtum von Kunstwerken. Seine Wohnung quillt über vor Kunst, die Wände sind vom Boden bis zur Decke gefüllt. Und doch hat jedes Werk seine eigene Geschichte, und er kauft radikal, einzig, was ihn zu begeistern vermag. Dass Kunst auch über einen – unberechenbaren – Geldwert verfügt, mit dem sich handeln lässt, kommt ihm nicht ungelegen: Schliesslich ist er ein geborener Spieler, der auch hohen Einsätzen nicht abgeneigt ist.

Der höchste Einsatz ist das Leben, das es auszuschöpfen gilt, manchmal unter Einsatz des Lebens. Von Senger ist ein sehr schneller Autofahrer. Und er ist ein Romantiker. Unter einem Wasserfall bei Zuoz küsste er zum ersten Mal ein Mädchen. Später wäre er gemeinsam mit Ellen Cantor, deren pornografischem Ansatz er rettungslos ausgeliefert war, um ein Haar diesen Wasserfall runtergestürzt. Von Senger, der Romantiker, der sinnliche Liebhaber des Schönen: In den punktierten Lichtbildern von Daniele Buetti, auf denen das Licht des Lebens gedankenverloren wie der Sand einer Sanduhr durch die Hände fliesst, findet er diese ambivalente Romantik mit Tendenzen zum Abgründigen, eine schöne Romantik, die um ihre eigene Gefährdung weiss. Spätestens hier muss gesagt sein, dass von Senger diese Lebensintensitäten auch hochstilisiert: Er weiss um ihre Inszeniertheit, fühlt sich aber wohl im Schein einer Scheinwelt. Hauptsache, das Gefühl stimmt. Ein gewisses Mass an Selbstbetrug muss der Idealist in Kauf nehmen, damit die Wolke weiter trägt.

Von Senger neigt zur Faulheit. Auch das muss gesagt sein. Wobei auch das sich zu einer Qualität umdeuten lässt: Wenn ihn etwas nicht mehr interessiert – was bei einem, der atemlos auf Neues, auf Faszinierendes aus ist, recht schnell eintritt -, ist es um seine Aufmerksamkeit sogleich geschehen. Er ist nicht der geduldigste. Dafür treu und gutherzig, auch seinen Künstlern gegenüber. Weil er einzig und allein seinem Instinkt vertraut, hat er sich im Kunstgeschäft eine seltene Unabhängigkeit bewahrt. Zweifellos pocht Entdeckerblut in seinen Adern. Carsten HöllerMaurizio CattelanInez van LamsweerdeWolfgang Tillmans: Alle stellten sie bei arsFutura aus, als ihr Stern erst aufblitzte am Himmel, und kaum jemand dieses Aufblitzen bemerkte. Von den Schweizern hat er Olaf Breuning gross und Daniele Buetti auf Kunstmessen einem internationalen Publikum vertraut gemacht. Mit Mario Sala und Yves Netzhammer hat er zwei neue Spitzenpferde an der Hand. Bei der Auswahl seiner Künstler profitierte von Senger immer von seinen Beobachterqualitäten und seiner Fähigkeit, andere zu bewundern. “Ich bin fast zehn Jahre im Geschäft”, erzählte er der Zürcher Klatsch-Queen Hildegard Schwaninger vor 5 Jahren, und ich hatte niemanden, der mich in dieses Geschäft eingeführt hat. Ich habe alle Fehler gemacht, die man machen kann, und ich habe aus diesen Fehlern gelernt.”

Nicola von Senger, der Freimütige, der Offenherzige, der Kindlich-Friedfertige, der es im Grunde allen recht machen will. Dass ihm das nicht immer gelingt, plagt ihn selber am meisten. “Ich bin ein Einzelgänger”, sagt er heute. Er braucht viel Zeit für sich selber, für seine Sammlungen, die neben der Kunst und den Promi-Nacktbildern auch anderen Themen gewidmet sind: Schwarzem Hip-Hop, Kraftwerk und anderen Musikabgründen, einer obskuren Videosammlung und einer beispiellosen, in mittlerweile 24 Ordnern abgelegten Foto-Dokumentation seines Lebens.** In einer beinahe programmatischen Fixierung auf sich selber dokumentiert er seine eigene Geschichte: Eine Geschichte mit der Kunst, mit extremen Künstlern wie dem Bomben- und Drogenbauer Gregory Green, dem anonymen Paparazzo Gary Lee Boas, der traumverwunschenen Alexandra Vogt. Seit acht Jahren isst der Fan des renommierten Bonzenfussballclubs Grasshoppers jeden Mittag in der “Silberkugel”, einem Fast-Food-Unternehmen mit jahrzehntelanger Tradition, ein Silber Beefy mit Käse und eine Portion Pommes Frites, und trinkt dazu einen halben Liter Cola-Light. Gewohnheiten und Katastrophen, wie der frühe Verlust seines Vaters, zeichnen sein widersprüchliches Leben. Diese persönliche Geschichte erscheint in der Jubiläumsausstellung in der Präsentation der Foto-Alben und anderer Artefakte, welche die Geschichte von arsFutura dokumentieren.

(Ein Freund, Simon Maurer)

Enquiry